LONDON 1968-69

Betrachtet man die Bilder in der Ausstellung näher, dann entdeckt man zum allergrößten Erstaunen, dass eine solche große Weltstadt mit ihren acht Millionen Menschen auf einem Flächendurchmesser von 50 Kilometern mehr oder weniger eine Aneinanderreihung vieler kleiner Städte darstellt und dass die Menschen ihren bescheidenen Alltag dort genau so leben wie in jeder anderen kleinen Stadt.

Dem Touristen wird dieser Umstand im allgemeinen kaum deutlich, denn er sieht auf der Reise vordergründig das, was den Tourismus attraktiv macht. Rolf Frei hat dies während seines einjährigen London-Aufenthalts im übrigen auch gesehen. Aber in keinem Fall hat er es so fotografiert, wie es der Besucher Londons zu Gesicht bekommt – etwa bei Tag, im Sonnenschein oder im charakteristischen Londoner Nebel.

Im Mittelpunkt stehen auch nicht die imponierenden Gebäude oder die großartigen Anlagen, sondern einfach der Mensch in seinem Lebensbereich. Ein Mensch, der gerade in London von den anderen Menschen toleriert wird, hingenommen mit allen seinen Eigenarten, seinen Wesensmerkmalen, seinen Möglichkeiten sich auszudrücken.

Ohne Aufregung schaut der Bobby genau so der militärischen Demonstration der konservativen Veteranen zu wie progressiven Demonstrationen der Vietnam Kriegsgegner. Gelassen bekennt sich die weiße Ehefrau zu ihrem schwarzen Mann, unberührt der in Lumpen gehüllte Alte zu seinem Bündel symbolisierter Armut.

Rolf Frei findet mit seiner Kamera den Weg zu den Menschen. Überall wo er Personen aufgenommen hat, spürt der Betrachter, dass diese Männer, Frauen oder Kinder bereits in einem Kontakt zum Fotografen stehen. Seine Methode, nur mit Weitwinkel von 35 mm, und nicht mit Teleobjektiv zu fotografieren, zwingt ihn in die nächste Nähe seines menschlichen Objekts, welches dadurch im Gespräch, in der Unterhaltung, oder auch im Austausch von Blicken und Gesten zu leben beginnt.

Über sein Vorgehen sagt Rolf Frei selber: "Für mich muss ein Bild schon vor dem Auslösen des Fotoappartes fertig sein. Die Kamera betrachte ich nur als technisches Hilfsmittel, meine Gefühle und Gedanken wiederzugeben und eine entsprechende Aussage zu machen."




Frei meidet allzu banale Ansichten, er wählt aber auch kaum extreme Sujets, Bildwinkel und Ausschnitte. Die Schwarzweissaufnahmen – hart vergrössert und damit betont auf Schwarz – haben unwillkürlich einiges von der Atmosphäre Londons.

Frei fotografiert sozusagen mit impressionistisch geschultem Auge, deshalb gelingen ihm so zauberhafte Aufnahmen wie gewisse Parklandschaften oder Friedhöfe, aber auch die Menschen in ihrer jeweiligen Lebenssituation.  

Rolf Frei ist es gelungen, mit seiner Kamera geradezu ein Skizzenbuch des Lebens in London herzustellen. All das nie anklägerisch, sondern die Schönheit und Poesie zeigend, selbst dort wo das Modell ein Clochard ist.

Jedes Bild wurde so aufgenommen, wie es sich jetzt darstellt. Der Fotograf vermied Ausschnittsvergrößerungen und konnte sich das leisten, weil seine Neugier und Beobachtungsgabe vor allem auch hinsichtlich der Details geradezu bewunderungswürdig ist. Für alle Aufnahmen sind einheitlich die gleiche Kamera, das gleiche Objektiv, die gleiche Art Film verwendet. Frei ist der Ansicht, dass sich der Fotograf nicht in Techniken verzetteln dürfe.





UNTERHOLZ 2010-11

Was war der Ausgangspunkt von Deinem Unterholzprojekt?

Ursprünglich plante ich im Jahr 2009 eine Reise zu den Eisbergen der Arktis. Dort wollte ich Bilder realisieren, die meine, zu diesem Projekt entstehende Retrospektive mit dem Titel "Das Weite gesucht – Die Weite gefunden" ergänzen sollten. Nun, anstelle auf Elsmeere Island, nur 500 Kilometer vom Nordpol entfernt, entdeckte ich bei einem Winterspaziergang im Dezember 2009 die mir schon vorher gut bekannte Ile du Rhin als fotografisches Motiv. Die Ile du Rhin zieht sich vom Stauwehr in Märkt bis Chalampé / Neuenburg. Ein ca. 30 Kilometer langes Dickicht das im Osten vom Altrhein (Deutschland) und im Westen vom Rheinkanal (Frankreich) eingegrenzt wird.

Was hat Dich an dieser einsamen Gegend zwischen Deutschland und Frankreich interessiert?

Als Fotograf will ich nicht darauf angewiesen sein, das Geheimnis des verborgenen mit Hilfe von exotischen, außergewöhnlich eindrucksvollen Motiven aufzuzeigen. Ein weit entfernter Ort garantiert keine besseren Bilder als das Naheliegende. Ich zeige und beschreibe ja keinen Ort, sondern meine Vorstellung von Etwas was ist! Ausser Gräser, Gestrüpp, einer Schotterpiste und einem Fussweg gibt es eigentlich nichts wesentlich Erkennbares auf diesem Gebiet. Eine ehemalige Flugplatzpiste,  eine alte Vogelbeobachtungsstation, einige Bunkerfragmente aus dem ersten Weltkrieg, Uferbefestigungen, Treppen und Rheinkilometer Kennzeichnungen ist das einzige was auffällt. Hier in diesem Dschungel ohne erkennbare Fotomotive entdecke und realisiere ich meine Aufnahmen zum Thema Unterholz.

Wie bist Du eigentlich auf das Unterholz gekommen?

Der Mensch ist immer auf der Suche nach der Zugehörigkeit zur Natur. Seit jeher beschäftigen sich die Künstler mit diesem Thema. Ich zitiere dabei jeweils gerne Albrecht Dürer: "Wahrhafftig steckt die Kunst inn der Natur. Wer sie heraus kann reyssen, der hat sie". Auch im Unterholz oder im Dornengebüsch, dort wo nie jemals ein Mensch in die Natur kultivierend eingegriffen hat, gibt es eine ordnungsreiche Unordnung. Nur der Schauende sieht sie,  kann sie "heraus reyssen" und hat sie. Das Bild als Bild und nicht, das Bild als Beweis, irgendwo gewesen zu sein. Wo ist das? Diese Frage ist überflüssig.

Wie bist Du vorgegangen bei der Realisation dieser Bilder aus dem Unterholz?

Bevor ich mich aufmache, denke ich immer in Bildern. Daraus entsteht ein Plan, welchen Ort ich wann mit welchem Kamera Equipement aufsuche. Immer wieder, zu jeder Jahres- und Tageszeit, habe ich mich auf diesem lang gezogenen geheimnisvollen Niemandsland, meist in der Dämmerung und bei regnerischem Wetter, aufgehalten. Das wilde, undurchdringliche und von niemanden bisher als fotografisches Objekt wahrgenommene Unterholz wird so zu einer mir mehr oder weniger vertrauten Umgebung, in der ich meine in der Phantasie bestehenden Bilder geduldig realisiere. Ich erschaue Bilder als vorbeiziehender Betrachter. Ich trete ein in ein tückisches Labyrinth aus Sträuchern, Bäumen, dornigem Geäst und brachliegenden kleinen Wiesenstücken. Die Arbeitsweise ist gezwungenermaßen sehr langsam. Es entstehen nur vereinzelt Bilder mit der digitalen Spiegelreflex und der analogen Großformat Kamera auf Negativ Film. Aber der fotografische Aufnahmeprozess ist nicht ausschliesslich beschränkt auf das Sehen. Überhaupt nicht. Ich rieche sehr gerne im feuchten Wald, ich fühle die Dornen, schmecke eine Sanddornbeere oder den Sprössling einer Tanne und höre die Stille und die entfernten Geräusche der Zivilisation.

Gibt es bei diesen wie gemalt wirkenden Bildern eine Message?

Der Wald als Sujet der bildenden Kunst hat eine lange Tradition. Der Wald ist Ort der Heimlichkeit, abgeschieden vom organisierten Leben der Menschen. Im Unterholz des Waldes erwartet uns, wie jedes Kind aus den Märchen weiß, nichts Gutes. Da treiben Fabelwesen und Hexen ihr Unwesen, lauern wilde Tiere und Verbrecher halten sich versteckt. Seit Jahrhunderten ranken sich Mythen und Geschichten um das undurchdringliche Dickicht. Mit meiner Wahrnehmung und den fotografischen Aufnahmen will ich die Natur in sich und um sich auf ihren Realitätsgehalt und ihre Symbolträchtigkeit überprüfen. Sonst gibt es eigentlich keine Botschaften.

Sind alle in der Ausstellung gezeigten Bilder auf der Ile du Rhin entstanden?

Im April 2009 habe ich das Naheliegende verlassen und mich auf eine Reise nach Südafrika begeben. Auch dort begegnete mir natürlich, vor allem auf den Safaris im Buschland, das Unterholz. Einige Bilder und vor allen Dingen die große Bildcollage (Dort wo der Löwe schläft) geben Einblick in das afrikanische "Underwood" und unterscheiden sich doch in keiner Weise von unserem Gestrüpp. Hier wie dort fristet das Unterholz ein völlig unbeachtetes Dasein. Voller Pflanzen und Artenreichtum, undurchdringbar und voller Gefahren. Manchmal findet man auch dort zivilisatorischen Restmüll, ein Tempotaschentuch, eine Getränkedose, verbrannte Kohle, eine aufgerissene Blisterpackung Aspirin, eine leere Patronenhülse, ein Stück Strick. Weitere Bilder sind im Bleniotal entstanden, in einem kleinen Waldstück bei Efringen-Kirchen und in einem verborgenen Steinbruch in der Nähe von Kandern. Dort drehte ich im August 2011, zusammen mit Philipp Lossau, einen Film über den Künstler Johannes Beyerle. Es geht um eine tragische Geschichte aus dem 2. Weltkrieg.

Du hast eine Aufnahme geschaffen, wie geht es dann weiter?

Das Feld der Wahrnehmung spaltet sich bei der Fotografie in eine Zeit der Aufzeichnung und in eine Zeit der nachträglichen Betrachtung, Auswertung und Bearbeitungen dieser Aufzeichnung. So intensiv wie der Aufnahmeprozess ist der darauf folgende Vorgang der Bildauswahl, der Bildbearbeitung und die Herstellung von Großprints. Ich nutze dabei die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitungstechniken als der Aufnahme folgender Prozess und nähere mich mit behutsamen Eingriffen so meiner jeweiligen Idealvorstellung vom Bild. Die A2 Prints werden in meinem Atelier auf Fine Art Hahnemühle, Archival Matt Papier geprintet. Die Großvergrösserungen in den Maßen 80 cm x 180 cm und größer werden bei Fachcolor Bühler in Freiburg hergestellt und in UltraSec Technik (unter Plexiglas/Museumsglas entspiegelt) präsentiert.


                                                                       Das Interview mit Rolf Frei führte Jiri Novotny im August 2011